Finanzielle Freiheit – wie viel Geld braucht man wirklich?

Finanzielle Freiheit beginnt nicht bei einer bestimmten Millionensumme. Entscheidend ist, wie hoch deine jährlichen Ausgaben sind, welche Einnahmen auch ohne Arbeit bestehen und wie vorsichtig du dein Vermögen langfristig entnehmen möchtest.

Veröffentlicht am:

Die Frage nach der finanziellen Freiheit klingt zunächst nach einer Frage über Vermögen. Tatsächlich ist sie mindestens genauso sehr eine Frage über Ausgaben. Wer dauerhaft 2.000 Euro pro Monat benötigt, braucht für ein unabhängiges Leben erheblich weniger Kapital als jemand, dessen Lebensstandard 5.000 Euro monatlich kostet. Eine pauschale Antwort wie „Mit einer Million Euro bist du finanziell frei“ greift deshalb zu kurz.

Eine brauchbare erste Orientierung liefert die sogenannte Entnahmerate. Wer beispielsweise jährlich 4 Prozent seines investierten Vermögens für den Lebensunterhalt entnimmt, benötigt rechnerisch etwa das 25-Fache seiner jährlichen Ausgaben. Bei 30.000 Euro Jahresbedarf wären das 750.000 Euro. Wer vorsichtiger mit 3 Prozent kalkuliert, kommt bereits auf eine Million Euro.

Doch selbst diese Rechnung ist nur der Anfang. Steuern, Krankenversicherung, Inflation, Börsenschwankungen, größere Anschaffungen, die spätere gesetzliche oder private Rente und das gewünschte Sicherheitsniveau können den tatsächlichen Kapitalbedarf erheblich verändern. Finanzielle Freiheit ist deshalb keine magische Zahl auf dem Depotkonto, sondern ein individuell aufgebautes Finanzsystem.

Die kurze Antwort: Zwischen 25- und 33-Fachem der Jahresausgaben ist ein sinnvoller Startpunkt

Wer wissen möchte, wie viel Geld er für finanzielle Freiheit braucht, sollte zunächst seine tatsächlichen jährlichen Ausgaben bestimmen. Nicht das Einkommen ist die entscheidende Größe, sondern der Betrag, der dauerhaft finanziert werden muss.

Eine häufig verwendete Modellrechnung arbeitet mit einer langfristigen Entnahmerate zwischen ungefähr 3 und 4 Prozent des investierten Vermögens. Daraus ergibt sich ein Kapitalbedarf vom etwa 25- bis 33-Fachen des jährlichen Finanzbedarfs. Bei einem Lebensstandard von 2.500 Euro pro Monat beziehungsweise 30.000 Euro pro Jahr ergibt sich damit grob ein benötigtes Vermögen zwischen 750.000 und 1.000.000 Euro.

Monatlicher Finanzbedarf Jahresbedarf Kapital bei 4 % Kapital bei 3,5 % Kapital bei 3 %
2.000 € 24.000 € 600.000 € ca. 686.000 € 800.000 €
2.500 € 30.000 € 750.000 € ca. 857.000 € 1.000.000 €
3.000 € 36.000 € 900.000 € ca. 1.029.000 € 1.200.000 €
4.000 € 48.000 € 1.200.000 € ca. 1.371.000 € 1.600.000 €

Die Tabelle zeigt vor allem einen Zusammenhang: Bereits 500 Euro zusätzliche monatliche Ausgaben können den benötigten Kapitalstock um weit über 100.000 Euro erhöhen. Der gewünschte Lebensstandard hat deshalb enorme Auswirkungen auf das Zielvermögen.

Die Zahlen sind allerdings keine Garantie dafür, dass ein bestimmtes Vermögen für den Rest des Lebens ausreicht. Sie sind Modellwerte, mit denen sich ein realistischer Zielkorridor bestimmen lässt. Je länger das Kapital reichen soll und je größer dein Sicherheitsbedürfnis ist, desto vorsichtiger sollte die Planung ausfallen.

Finanzielle Freiheit bedeutet nicht automatisch, nie wieder zu arbeiten

Der Begriff wird häufig so verwendet, als gebe es nur zwei Zustände: entweder vollständig abhängig vom Arbeitseinkommen oder für immer im Ruhestand. In der Realität existieren viele Zwischenstufen, die finanziell wesentlich leichter erreichbar sein können.

Für den einen bedeutet finanzielle Freiheit, sämtliche Lebenshaltungskosten aus dem Vermögen bezahlen zu können. Ein anderer möchte lediglich nicht mehr darauf angewiesen sein, 40 Stunden pro Woche zu arbeiten. Wieder jemand anderes möchte genügend Vermögen besitzen, um den Arbeitsplatz ohne Existenzangst wechseln, mehrere Monate pausieren oder nur noch einer interessanten Teilzeittätigkeit nachgehen zu können.

Diese Unterscheidung ist wichtig, weil schon kleine dauerhafte Einnahmen den erforderlichen Kapitalstock erheblich reduzieren. Benötigst du beispielsweise monatlich 3.000 Euro, verdienst aber freiwillig weiterhin 1.000 Euro durch eine Teilzeittätigkeit, muss dein Vermögen zunächst nur 2.000 Euro monatlich finanzieren. Bei einer modellhaften Entnahmerate von 3,5 Prozent sinkt der rechnerische Kapitalbedarf dadurch von rund 1,03 Millionen auf rund 686.000 Euro.

Finanzielle Freiheit muss deshalb nicht bedeuten, sämtliche Erwerbsarbeit einzustellen. Für viele Menschen dürfte die Kombination aus Vermögen, reduzierter Arbeit und späteren Renteneinkünften realistischer und robuster sein als das Ziel, schon mit 40 oder 45 ausschließlich vom Depot zu leben.

Der wichtigste Wert ist dein tatsächlicher Jahresbedarf

Wer sein Zielvermögen berechnen möchte, benötigt zunächst einen realistischen Überblick über seine Ausgaben. Dabei reicht es nicht, nur Miete, Lebensmittel, Strom und Versicherungen eines normalen Monats zusammenzurechnen. Viele Kosten entstehen unregelmäßig und werden bei solchen Überschlagsrechnungen vergessen.

Zu einem realistischen Jahresbudget gehören deshalb auch Urlaub, Reparaturen, Kleidung, technische Geräte, Versicherungsbeiträge, Mobilität, mögliche Selbstbeteiligungen, Geschenke und größere Anschaffungen. Wer ein Eigenheim besitzt, sollte außerdem langfristige Instandhaltung berücksichtigen. Ein neues Dach oder eine Heizungsmodernisierung erscheint zwar nicht jeden Monat auf dem Kontoauszug, gehört wirtschaftlich trotzdem zu den Wohnkosten.

Besonders vorsichtig solltest du sein, wenn deine heutige Situation ungewöhnlich günstig ist. Eine sehr niedrige Miete, ein Dienstwagen oder besonders geringe Wohnkosten können sich verändern. Umgekehrt können Kosten im späteren Leben auch sinken, beispielsweise wenn ein Immobilienkredit vollständig getilgt ist.

Ein gutes Zielbudget orientiert sich daher nicht am billigsten Monat des Jahres, sondern an einem langfristig tragfähigen Lebensstandard.

Die 4-Prozent-Regel ist eine Orientierung und kein Naturgesetz

Beim Thema finanzielle Freiheit taucht fast zwangsläufig die 4-Prozent-Regel auf. Vereinfacht besagt sie, dass ein Anleger im ersten Jahr ungefähr 4 Prozent seines Portfolios entnimmt und den Entnahmebetrag anschließend an die Inflation anpasst. Daraus entstand die bekannte Faustformel, für finanzielle Unabhängigkeit ungefähr das 25-Fache der jährlichen Ausgaben anzusparen.

Das Konzept ist nützlich, weil es den Zusammenhang zwischen laufenden Ausgaben und benötigtem Vermögen sichtbar macht. Problematisch wird es, wenn die 4 Prozent wie eine garantierte sichere Entnahmerate behandelt werden. Wie lange ein Vermögen tatsächlich reicht, hängt unter anderem von der zukünftigen Rendite, der Inflation, der Portfoliozusammensetzung, der Laufzeit und insbesondere von der Reihenfolge guter und schlechter Börsenjahre ab.

Wer mit 45 Jahren aufhören möchte zu arbeiten und möglicherweise noch fünf Jahrzehnte finanzieren muss, hat einen anderen Planungshorizont als jemand, der mit 63 nur wenige Jahre bis zu zusätzlichen Renteneinnahmen überbrücken möchte. Bei extrem langen Zeiträumen kann deshalb eine konservativere Ausgangsrechnung mit beispielsweise 3 oder 3,5 Prozent sinnvoll sein.

Eine niedrigere Entnahmerate kostet allerdings viel zusätzliches Kapital. Bei 36.000 Euro Jahresbedarf benötigt eine 4-Prozent-Rechnung 900.000 Euro. Bei 3,5 Prozent sind es rund 1,03 Millionen Euro und bei 3 Prozent bereits 1,2 Millionen Euro. Sicherheit hat beim Vermögensaufbau also einen konkreten Preis.

Warum eine Million Euro nicht für jeden dasselbe bedeutet

Eine Million Euro gilt psychologisch als klassische Grenze für Wohlstand und finanzielle Freiheit. Ob sie tatsächlich reicht, lässt sich ohne Blick auf die Ausgaben jedoch nicht beurteilen.

Bei jährlichen Ausgaben von 24.000 Euro würde eine Entnahme von 24.000 Euro aus einer Million Euro lediglich 2,4 Prozent entsprechen. Das lässt erheblich mehr Spielraum als bei einem Haushalt, der jährlich 50.000 Euro benötigt und damit bereits 5 Prozent des Ausgangsvermögens entnehmen müsste.

Auch die Wohnsituation verändert die Rechnung. Wer eine schuldenfreie Immobilie besitzt, benötigt möglicherweise deutlich weniger laufendes Einkommen als ein Mieter in einer teuren Großstadt. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass der Immobilienbesitzer vermögender oder finanziell flexibler ist. Ein großer Teil seines Vermögens kann im Haus gebunden sein und steht zur Finanzierung der laufenden Kosten nicht unmittelbar zur Verfügung.

Für finanzielle Freiheit ist deshalb nicht nur das Nettovermögen entscheidend. Mindestens genauso wichtig ist das Vermögen, aus dem tatsächlich laufende Einnahmen oder Entnahmen finanziert werden können.

Nettovermögen und verfügbares Anlagevermögen sind zwei verschiedene Größen

Angenommen, jemand besitzt ein schuldenfreies Haus im Wert von 500.000 Euro und zusätzlich ein Wertpapierdepot von 300.000 Euro. Sein Nettovermögen beträgt 800.000 Euro. Trotzdem kann er nicht einfach mit 800.000 Euro als Entnahmevermögen rechnen, solange das Haus selbst genutzt und nicht verkauft, beliehen oder anderweitig monetarisiert werden soll.

Die Immobilie senkt möglicherweise die laufenden Wohnkosten und ist damit für die finanzielle Freiheit ausgesprochen wertvoll. Sie erzeugt jedoch nicht automatisch den Cashflow, mit dem Lebensmittel, Versicherungen oder Reisen bezahlt werden können.

Umgekehrt kann ein Haushalt mit 700.000 Euro Wertpapiervermögen und einer Mietwohnung über weniger Nettovermögen verfügen, aber einen größeren unmittelbar nutzbaren Kapitalstock besitzen. Die reine Vermögenssumme sagt deshalb weniger über finanzielle Freiheit aus, als es zunächst scheint.

Für deine eigene Planung solltest du zwischen selbst genutztem Sachvermögen, liquiden Rücklagen und investierbarem beziehungsweise entnahmefähigem Vermögen unterscheiden.

Inflation macht aus heutigen 3.000 Euro später einen anderen Betrag

Wer finanzielle Freiheit über Jahrzehnte plant, darf Kaufkraft nicht mit nominalen Eurobeträgen verwechseln. Ein Lebensstandard, der heute 3.000 Euro monatlich kostet, wird in 20 oder 30 Jahren nominal wahrscheinlich einen höheren Betrag erfordern.

Bei einer angenommenen durchschnittlichen Inflation von 2 Prozent würden Waren und Dienstleistungen, die heute 3.000 Euro kosten, nach 20 Jahren rechnerisch etwa 4.460 Euro kosten. Nach 30 Jahren wären es rund 5.430 Euro. Bei einer dauerhaft höheren Inflation wäre der Unterschied entsprechend größer.

Das bedeutet allerdings nicht, dass du bei einer langfristigen Vermögensplanung einfach deine heutigen Ausgaben mit diesen zukünftigen Beträgen multiplizieren musst. Bei Entnahmemodellen wird häufig in realer Kaufkraft gerechnet: Vermögensrendite und Entnahmen werden also unter Berücksichtigung der Inflation betrachtet.

Für die persönliche Planung ist trotzdem hilfreich, das Zielvermögen regelmäßig neu zu berechnen. Wer heute festlegt, dass 800.000 Euro sein endgültiges Ziel sind, und diese Zahl anschließend 15 Jahre lang unverändert verfolgt, ignoriert die zwischenzeitliche Veränderung der Kaufkraft.

Steuern und Krankenversicherung gehören in die Freiheitsrechnung

Ein häufiger Planungsfehler besteht darin, private Ausgaben zu berechnen und anschließend davon auszugehen, dass genau dieser Betrag aus dem Depot entnommen werden muss. In Deutschland können Kapitalerträge steuerpflichtig sein. Wie hoch die tatsächliche Belastung ausfällt, hängt von der Zusammensetzung des Vermögens, Einstandskursen, realisierten Gewinnen, Freibeträgen, möglichen Verlustverrechnungen und der persönlichen steuerlichen Situation ab.

Auch die Kranken- und Pflegeversicherung darf nicht übersehen werden. Wer bislang Arbeitnehmer ist, kennt häufig nur den Betrag, der auf der Gehaltsabrechnung als eigener Anteil auftaucht. Bei einem frühen Ausstieg aus dem Berufsleben kann sich die Finanzierung der Krankenversicherung verändern. Welche Beiträge tatsächlich entstehen, hängt unter anderem vom Versicherungsstatus und der individuellen Situation ab.

Eine solide Freiheitsrechnung arbeitet daher nicht ausschließlich mit Konsumausgaben. Entscheidend ist der gesamte Betrag, der aus dem vorhandenen Einkommen und Vermögen finanziert werden muss.

Gerade bei einem sehr frühen Ausstieg aus dem Berufsleben können solche Positionen den Kapitalbedarf spürbar erhöhen. Ein Sicherheitspuffer ist deshalb sinnvoller als eine Planung, die rechnerisch auf den letzten Euro aufgeht.

Die ersten Börsenjahre können entscheidend sein

Zwei Menschen können mit demselben Anfangsvermögen, derselben durchschnittlichen Rendite und identischen Entnahmen trotzdem sehr unterschiedliche Ergebnisse erleben. Entscheidend ist, wann gute und schlechte Börsenjahre auftreten.

Besonders ungünstig ist ein starker Kursrückgang unmittelbar nach Beginn der Entnahmephase. Wer während eines solchen Rückgangs weiterhin hohe Beträge aus dem Portfolio entnehmen muss, verkauft vergleichsweise viele Anteile zu niedrigen Kursen. Diese Anteile können bei einer späteren Erholung nicht mehr mitwachsen. Dieses sogenannte Reihenfolgerisiko oder Sequence-of-Returns-Risiko gehört zu den wichtigsten Problemen einer langfristigen Entnahmestrategie.

Angenommen, aus einem Depot von 900.000 Euro werden jährlich 36.000 Euro benötigt. Fällt das Portfolio früh deutlich im Wert, belastet die gleichzeitige Entnahme den verbleibenden Kapitalstock stärker als bei einem positiven Börsenstart.

Deshalb kann eine robuste Strategie beispielsweise einen zusätzlichen Liquiditätspuffer, flexible Ausgaben oder zeitweise geringere Entnahmen vorsehen. Wer seine Ausgaben in schwachen Börsenphasen zumindest teilweise reduzieren kann, besitzt einen Vorteil gegenüber jemandem, der unabhängig von der Marktlage jedes Jahr einen vollständig fixen Betrag benötigt.

Flexibilität kann Hunderttausende Euro Zielvermögen ersetzen

Bei finanzieller Freiheit wird oft nur darüber gesprochen, möglichst viel Vermögen aufzubauen. Dabei besitzt auch die Ausgabenseite einen gewaltigen Hebel.

Wer seinen dauerhaften Finanzbedarf um 500 Euro pro Monat reduziert, benötigt jährlich 6.000 Euro weniger. Bei einer Entnahmerate von 4 Prozent reduziert sich das rechnerische Zielvermögen dadurch um 150.000 Euro. Bei 3,5 Prozent sind es rund 171.000 Euro und bei 3 Prozent sogar 200.000 Euro.

Das bedeutet nicht, dass finanzielle Freiheit durch radikalen Verzicht erreicht werden sollte. Wer sein gesamtes Leben auf eine möglichst niedrige Ausgabenzahl optimiert, kann am Ziel vorbeiplanen. Relevant sind vor allem große dauerhafte Kostenblöcke wie Wohnen, Mobilität, Kredite und langfristige Vertragskosten.

Noch wertvoller ist häufig Ausgabenflexibilität. Ein Haushalt, der normalerweise 3.500 Euro benötigt, in wirtschaftlich schlechten Jahren aber problemlos auf 3.000 Euro reduzieren kann, besitzt einen zusätzlichen Sicherheitspuffer, ohne dauerhaft auf seinen gewünschten Lebensstandard verzichten zu müssen.

Kleine Nebeneinkünfte verändern die Rechnung erstaunlich stark

Auch die Einnahmenseite wird bei vielen FIRE-Rechnungen zu extrem betrachtet. Zwischen Vollzeitbeschäftigung und null Erwerbseinkommen liegen zahlreiche Möglichkeiten.

Nehmen wir einen jährlichen Finanzbedarf von 36.000 Euro. Ohne weitere Einnahmen wären bei 3,5 Prozent Entnahmerate ungefähr 1,03 Millionen Euro erforderlich. Werden dagegen langfristig 12.000 Euro jährlich durch eine selbst gewählte Tätigkeit verdient, muss das Vermögen nur noch 24.000 Euro finanzieren. Der rechnerische Kapitalbedarf sinkt auf rund 686.000 Euro.

Eine Einnahme von durchschnittlich 1.000 Euro monatlich reduziert den erforderlichen Kapitalstock in diesem Beispiel also um mehr als 340.000 Euro.

Gerade für Menschen, die nicht unbedingt jede Form von Arbeit beenden möchten, kann dieser Ansatz interessanter sein als ein jahrzehntelanger Sprint bis zur vollständigen Erwerbslosigkeit. Finanzielle Freiheit bedeutet dann nicht, kein Geld mehr verdienen zu müssen, sondern nur noch Arbeit anzunehmen, die zur eigenen Lebensplanung passt.

Spätere Renteneinkünfte können den Kapitalbedarf ebenfalls verändern

Wer früh finanziell unabhängig werden möchte, muss nicht zwangsläufig sämtliche späteren Lebensjahre ausschließlich aus seinem privaten Vermögen finanzieren. Im höheren Alter können beispielsweise gesetzliche Renten, betriebliche Altersvorsorge oder private Rentenleistungen hinzukommen.

Das verändert die Rechnung erheblich. Benötigt jemand beispielsweise 36.000 Euro jährlich und erhält später dauerhaft 18.000 Euro aus anderen Quellen, muss das private Vermögen ab diesem Zeitpunkt nur noch die verbleibende Lücke finanzieren. Vor Rentenbeginn ist dagegen möglicherweise ein höherer Kapitalbedarf erforderlich.

Eine präzisere Planung kann deshalb mit mehreren Lebensphasen arbeiten. Phase eins reicht vom geplanten Ausstieg aus dem Berufsleben bis zum Beginn späterer Einkünfte. Phase zwei berücksichtigt anschließend die zusätzlichen Einnahmen. Ein einfaches Modell mit einer unveränderten Entnahme über 50 Jahre kann den notwendigen Kapitalstock in solchen Situationen deutlich anders darstellen als eine individuellere Rechnung.

Vorsichtig sollte man dennoch mit Leistungen umgehen, die Jahrzehnte in der Zukunft liegen. Rentenansprüche, Besteuerung und persönliche Lebensumstände können sich verändern. Bereits erworbene oder realistisch erwartbare Ansprüche dürfen in einer Planung berücksichtigt werden, sollten aber nicht zum Vorwand werden, die erste Phase extrem knapp zu kalkulieren.

Ein Notgroschen bleibt auch mit großem Depot sinnvoll

Ein großes Wertpapierdepot ersetzt nicht automatisch eine kurzfristig verfügbare Rücklage. Wer finanziell unabhängig lebt, sollte vermeiden, bei jedem unerwarteten größeren Betrag Wertpapiere verkaufen zu müssen.

Die notwendige Höhe hängt von den individuellen Verpflichtungen ab. Ein Mieter ohne Auto benötigt möglicherweise einen geringeren Puffer als ein Haushalt mit Eigenheim, Fahrzeug und hohen laufenden Verpflichtungen. Entscheidend ist, dass kurzfristige Probleme nicht unmittelbar die langfristige Entnahmestrategie gefährden.

Der Notgroschen sollte bei der Berechnung des investierten Freiheitskapitals nicht einfach doppelt gezählt werden. Wenn beispielsweise 30.000 Euro bewusst als liquide Sicherheitsreserve vorgesehen sind, stehen diese 30.000 Euro nicht gleichzeitig vollständig als langfristig renditeorientiertes Entnahmekapital zur Verfügung.

Wie du eine angemessene Reserve bestimmst, hängt vor allem von deinen monatlichen Pflichtausgaben, der Sicherheit deiner übrigen Einkünfte und möglichen größeren Einzelrisiken ab.

Finanzielle Freiheit mit 500.000 Euro: möglich, aber nicht für jeden Lebensstandard

Eine halbe Million Euro klingt nach viel Geld, reicht aber bei vollständiger finanzieller Unabhängigkeit nur für einen relativ begrenzten jährlichen Entnahmebetrag. Bei 4 Prozent wären es modellhaft 20.000 Euro pro Jahr beziehungsweise rund 1.667 Euro pro Monat. Bei 3 Prozent wären es nur 15.000 Euro jährlich beziehungsweise 1.250 Euro monatlich.

Für eine einzelne Person mit sehr niedrigen Wohnkosten kann das möglicherweise ausreichend sein. Für eine Familie mit mehreren Kindern, hoher Miete oder Immobilienkosten dürfte es wesentlich schwieriger werden.

500.000 Euro können trotzdem einen enormen Grad an finanzieller Freiheit ermöglichen. Wer beispielsweise noch 1.500 Euro monatlich aus einer selbst gewählten Tätigkeit verdient und zusätzlich einen Teil seiner Kosten aus dem Vermögen deckt, befindet sich in einer völlig anderen Ausgangssituation als jemand ohne Rücklagen.

Finanzielle Unabhängigkeit sollte deshalb nicht nur als endgültiger Zielzustand betrachtet werden. Bereits ein Vermögen, das einen erheblichen Teil der Lebenshaltungskosten tragen kann, verändert die persönliche Entscheidungsfreiheit deutlich.

Reichen 1.000.000 Euro für finanzielle Freiheit?

Bei einer Million Euro investierbarem Vermögen liegt eine modellhafte Entnahme von 3 Prozent bei 30.000 Euro jährlich und von 4 Prozent bei 40.000 Euro. Das entspricht vor Steuern und individuellen Zusatzkosten durchschnittlich 2.500 beziehungsweise rund 3.333 Euro pro Monat.

Für viele Einzelpersonen kann das bereits eine Größenordnung sein, in der vollständige finanzielle Unabhängigkeit realistisch geplant werden kann. Bei einem Haushalt mit hohen Wohnkosten, mehreren Familienmitgliedern oder einem deutlich höheren Lebensstandard kann dieselbe Million dagegen knapp sein.

Auch das Alter spielt eine große Rolle. Wer mit 65 über eine Million Euro und zusätzliche Rentenansprüche verfügt, befindet sich in einer anderen Situation als jemand, der mit 35 ausschließlich von diesem Kapital leben möchte.

Die richtige Frage lautet deshalb nicht: „Bin ich mit einer Million Euro finanziell frei?“ Sie lautet: „Wie hoch ist mein langfristiger Finanzbedarf, welche weiteren Einkünfte habe ich und welche Entnahmerate halte ich für meine Situation für tragfähig?“

Die größte Gefahr ist eine zu optimistische Planung

Wer möglichst schnell aus dem Berufsleben aussteigen möchte, kann dazu neigen, Annahmen so zu wählen, dass das gewünschte Ergebnis möglichst früh erreicht wird. Eine hohe erwartete Rendite, dauerhaft niedrige Ausgaben und eine aggressive Entnahmerate reduzieren das Zielvermögen auf dem Papier erheblich.

Das Problem zeigt sich erst, wenn mehrere Annahmen gleichzeitig nicht eintreffen. Höhere Inflation, schlechte Börsenjahre, steigende Wohnkosten oder unerwartete persönliche Ausgaben können eine auf Kante genähte Planung schnell verändern.

Ebenso problematisch ist die Annahme, der aktuelle Lebensstandard werde unverändert bleiben. Zwischen dem 40. und dem 80. Lebensjahr können sich Wohnsituation, Familie, Gesundheit, Freizeitverhalten und finanzielle Prioritäten grundlegend verändern.

Eine robuste Finanzplanung versucht deshalb nicht, die niedrigstmögliche Zahl für den Ausstieg zu finden. Sie sucht eine Vermögensgröße, bei der auch weniger günstige Entwicklungen beherrschbar bleiben.

Zu viel Sicherheitsdenken kann das Ziel unnötig nach hinten verschieben

Das andere Extrem ist allerdings ebenfalls problematisch. Wer jede denkbare Unsicherheit durch zusätzliches Vermögen absichern möchte, kann sein Ziel praktisch unbegrenzt erhöhen.

Aus 800.000 Euro werden dann sicherheitshalber eine Million, anschließend 1,2 Millionen und schließlich 1,5 Millionen Euro. Rechnerisch verbessert jeder zusätzliche Euro die Sicherheitsmarge. Gleichzeitig kostet der weitere Vermögensaufbau möglicherweise mehrere zusätzliche Arbeitsjahre.

Finanzielle Freiheit ist deshalb auch eine Abwägung zwischen Sicherheit und Lebenszeit. Absolute finanzielle Sicherheit existiert nicht. Selbst ein sehr großes Vermögen beseitigt nicht sämtliche wirtschaftlichen, politischen oder persönlichen Risiken.

Sinnvoller als ein immer größerer Kapitalpuffer können mehrere Sicherheitsmechanismen sein: realistische Ausgaben, ein liquide verfügbarer Puffer, ein diversifiziertes Vermögen, flexible Konsumausgaben und die Möglichkeit, bei Bedarf zeitweise zusätzliche Einnahmen zu erzielen.

So berechnest du deine persönliche Zahl für finanzielle Freiheit

Eine brauchbare persönliche Zielsumme lässt sich mit relativ wenigen Angaben bestimmen. Je genauer die Ausgangswerte sind, desto hilfreicher wird die Rechnung.

Checkliste: Deine Freiheitszahl berechnen

  1. Ermittle deine tatsächlichen Ausgaben der vergangenen zwölf Monate und rechne seltene größere Kosten ein.
  2. Lege fest, welchen Lebensstandard du langfristig finanzieren möchtest.
  3. Berechne daraus deinen jährlichen Finanzbedarf.
  4. Ziehe dauerhafte und realistisch erwartbare Einnahmen ab, die auch ohne Vollzeitarbeit bestehen.
  5. Wähle für eine erste Modellrechnung eine Entnahmerate, beispielsweise zwischen 3 und 4 Prozent.
  6. Berechne den Kapitalbedarf mit der Formel Jahresbedarf geteilt durch Entnahmerate.
  7. Plane zusätzliche Rücklagen für größere Ausgaben und kurzfristige Liquidität ein.
  8. Prüfe Steuern, Krankenversicherung und andere Kosten, die sich nach dem Ausstieg aus dem Berufsleben verändern könnten.
  9. Rechne mindestens ein ungünstigeres Szenario mit höheren Ausgaben oder geringerer Entnahmerate.
  10. Aktualisiere die Berechnung regelmäßig, statt jahrelang an einer einmal bestimmten Zielsumme festzuhalten.

Ein Beispiel zeigt die Logik. Ein Paar benötigt langfristig 3.500 Euro monatlich beziehungsweise 42.000 Euro im Jahr. Durch gelegentliche Tätigkeiten sollen voraussichtlich 500 Euro monatlich beziehungsweise 6.000 Euro jährlich hereinkommen. Aus dem Vermögen müssen damit zunächst 36.000 Euro finanziert werden.

Bei einer modellhaften Entnahmerate von 3,5 Prozent ergibt sich ein Zielkapital von rund 1,03 Millionen Euro. Möchte das Paar zusätzlich 40.000 Euro als separate Liquiditäts- und Sicherheitsreserve halten, müsste dieser Betrag entsprechend zusätzlich berücksichtigt werden.

Eine solche Rechnung ist wesentlich aussagekräftiger als die pauschale Vorgabe, unbedingt Millionär werden zu müssen.

Finanzielle Freiheit ist letztlich eine Cashflow-Frage

Vermögen ist die Grundlage finanzieller Unabhängigkeit, aber der praktische Alltag wird durch Cashflow bestimmt. Entscheidend ist, ob genügend Geld zur Verfügung steht, um die laufenden und unregelmäßigen Ausgaben zu finanzieren, ohne zwingend ein Arbeitseinkommen zu benötigen.

Deshalb können zwei Menschen mit völlig unterschiedlichem Vermögen einen ähnlichen Grad an Freiheit besitzen. Eine Person mit niedrigen Fixkosten, 600.000 Euro Anlagevermögen und kleinen zusätzlichen Einkünften kann finanziell entspannter sein als jemand mit 1,2 Millionen Euro Vermögen und dauerhaft sehr hohen Verpflichtungen.

Das erklärt auch, warum Einkommenssteigerungen allein nicht automatisch zur finanziellen Freiheit führen. Wenn mit jedem höheren Einkommen gleichzeitig der Lebensstandard steigt, wächst der benötigte Kapitalstock mit. Wer 100.000 Euro im Jahr verdient und fast alles ausgibt, kann finanziell abhängiger bleiben als jemand mit deutlich geringerem Einkommen und dauerhaft hoher Sparquote.

Vermögensaufbau und Ausgabenniveau gehören deshalb immer zusammen.

Fazit: Deine Ausgaben bestimmen die Freiheitszahl stärker als die Millionengrenze

Für eine erste realistische Orientierung kann das 25- bis ungefähr 33-Fache des jährlichen Finanzbedarfs als Zielkorridor dienen. Wer 30.000 Euro pro Jahr aus seinem Vermögen finanzieren möchte, landet damit grob zwischen 750.000 und einer Million Euro. Bei 48.000 Euro Jahresbedarf liegt die Größenordnung bereits zwischen 1,2 und 1,6 Millionen Euro.

Diese Zahlen sind keine Garantien. Entnahmerate, Inflation, Steuern, Krankenversicherung, Börsenentwicklung, Alter, Rentenansprüche und persönliche Sicherheitsreserven entscheiden mit darüber, wie viel Kapital tatsächlich erforderlich ist. Besonders hilfreich ist deshalb nicht die Suche nach einer universellen Vermögensgrenze, sondern eine eigene Rechnung mit mehreren Szenarien.

Und finanzielle Freiheit muss nicht erst beginnen, wenn Erwerbseinkommen vollständig überflüssig geworden ist. Schon die Kombination aus Vermögen, niedrigen Fixkosten und freiwilligen Nebeneinkünften kann einen erheblichen Teil der Abhängigkeit vom Arbeitsplatz beseitigen. Die beste persönliche Freiheitszahl ist deshalb nicht zwangsläufig die größte, sondern diejenige, die zu deinem gewünschten Leben passt und zugleich genügend Sicherheitsreserven enthält.

Häufige Fragen zu finanzieller Freiheit

Die folgenden Fragen betreffen vor allem die praktische Berechnung und typische Missverständnisse rund um die notwendige Vermögenshöhe.

Wie viel Geld braucht man, um finanziell frei zu sein?

Als grobe Orientierung kann ein investierbares Vermögen vom etwa 25- bis 33-Fachen des jährlich aus dem Vermögen benötigten Betrags dienen. Wer beispielsweise 30.000 Euro pro Jahr benötigt, kommt damit auf ungefähr 750.000 bis 1.000.000 Euro. Die tatsächliche Summe hängt unter anderem von Alter, Entnahmestrategie, zusätzlichen Einkünften und Sicherheitsbedarf ab.

Kann man mit 500.000 Euro finanziell frei sein?

Das ist möglich, wenn die laufenden Ausgaben niedrig sind oder zusätzliche Einnahmen bestehen. Eine modellhafte Entnahme von 3 bis 4 Prozent entspricht bei 500.000 Euro etwa 15.000 bis 20.000 Euro jährlich. Für einen höheren Lebensstandard reicht diese Summe allein häufig nicht.

Ist man mit einer Million Euro finanziell unabhängig?

Nicht automatisch. Eine Million Euro ermöglicht bei einer Entnahme von 3 bis 4 Prozent modellhaft etwa 30.000 bis 40.000 Euro im Jahr. Ob das genügt, hängt davon ab, welche Ausgaben damit einschließlich Steuern, Versicherungen und unregelmäßiger Kosten finanziert werden müssen.

Was ist die 4-Prozent-Regel?

Die 4-Prozent-Regel ist eine bekannte Orientierung für die Entnahme aus einem Anlageportfolio. Vereinfacht wird im ersten Jahr ein Betrag von 4 Prozent des Ausgangsvermögens entnommen und anschließend an die Inflation angepasst. Sie ist jedoch keine Garantie und sollte bei sehr langen Entnahmezeiträumen nicht unkritisch übernommen werden.

Welche Entnahmerate ist für finanzielle Freiheit sinnvoll?

Für Modellrechnungen werden häufig Werte zwischen etwa 3 und 4 Prozent verwendet. Eine niedrigere Entnahmerate erhöht die Sicherheitsmarge, verlangt dafür aber einen größeren Kapitalstock. Welche Rate angemessen ist, hängt unter anderem von Anlagehorizont, Portfolio, Flexibilität und zusätzlichen Einkünften ab.

Sollte eine selbst genutzte Immobilie zum Freiheitsvermögen gerechnet werden?

Sie gehört zum Nettovermögen, kann aber normalerweise nicht vollständig als Entnahmevermögen betrachtet werden. Solange die Immobilie selbst genutzt wird, steht ihr Marktwert nicht unmittelbar zur Finanzierung des Lebensunterhalts zur Verfügung. Gleichzeitig können schuldenfreies Wohnen und niedrigere Wohnkosten den benötigten Kapitalbedarf deutlich reduzieren.

Muss das Vermögen bei finanzieller Freiheit erhalten bleiben?

Nicht zwingend. Manche Menschen möchten ihr Vermögen dauerhaft erhalten oder sogar weiter wachsen lassen, andere planen bewusst einen allmählichen Kapitalverbrauch. Je nachdem verändert sich die notwendige Ausgangssumme erheblich. Auch Erbschaftswünsche können bei der Planung eine Rolle spielen.

Wie oft sollte man seine Freiheitszahl neu berechnen?

Mindestens bei größeren Veränderungen der Ausgaben, Einnahmen, Familien- oder Wohnsituation sollte die Rechnung aktualisiert werden. Auch Inflation und die Entwicklung des vorhandenen Vermögens verändern den Abstand zum Ziel. Eine Zielsumme, die vor vielen Jahren berechnet wurde, sollte deshalb nicht unverändert übernommen werden.

Andreas Langer
Andreas Langerhttps://www.nurgeld.de
Andreas Langer ist Gründer und verantwortlicher Redakteur von NurGeld.de. Er beschäftigt sich mit Finanzthemen rund um Sparen, Geldanlage, Banken, Kredite und den finanziellen Alltag. Sein Ziel ist es, komplexe Themen verständlich, sachlich und praxisnah aufzubereiten.

Artikel teilen:

Sehr beliebt

Zu diesem Thema
Weitere Artikel

Finanzielle Unabhängigkeit berechnen – welche Vermögenshöhe ist nötig?

Finanzielle Unabhängigkeit beginnt nicht automatisch bei einer Million Euro....

Erbschaftsteuer – welche Freibeträge gelten?

Wer eine Erbschaft erhält, muss nicht automatisch Erbschaftsteuer zahlen....

Netkredit24: Kreditkarte, Kreditvergleich und Konditionen im Überblick

Netkredit24 ist vor allem als Vergleichs- und Vermittlungsplattform für...

Erbschaft erhalten – was sollte man mit dem Geld tun?

Eine Erbschaft von 20.000, 100.000 oder 500.000 Euro wirft...