Wer einzelne Aktien kaufen möchte, steht schnell vor einer scheinbar einfachen Frage: Welche Aktie ist die richtige? Allein an großen europäischen und amerikanischen Börsen stehen Tausende Unternehmen zur Auswahl. Dazu kommen Analystenmeinungen, Kursziele, Social-Media-Tipps, Aktienrankings und ständig neue Geschichten darüber, welcher Titel angeblich kurz vor dem nächsten großen Kurssprung steht.
Eine belastbare Aktienauswahl funktioniert anders. Statt vorherzusagen, welche Aktie in den nächsten Wochen steigt, geht es darum, Unternehmen nach nachvollziehbaren Kriterien zu prüfen. Entscheidend sind unter anderem Geschäftsmodell, Wettbewerbsvorteile, Wachstum, Profitabilität, Verschuldung, Cashflow und Bewertung. Erst danach kommt die Frage, ob die Aktie zum bestehenden Depot und zum persönlichen Risiko passt.
Eine gute Aktie ist außerdem nicht automatisch ein guter Kauf. Selbst ein hervorragendes Unternehmen kann eine schlechte Investition sein, wenn der Börsenkurs bereits außergewöhnlich hohe Erwartungen einpreist. Umgekehrt ist eine stark gefallene Aktie nicht automatisch günstig. Wer Aktien systematisch auswählt, betrachtet deshalb immer sowohl das Unternehmen als auch den Preis.
Welche Aktien sollte man kaufen?
Eine seriöse Antwort besteht nicht aus einer Liste vermeintlicher Gewinner. Sinnvoller ist ein Auswahlprozess, mit dem sich unterschiedliche Unternehmen vergleichbar beurteilen lassen. Für langfristig orientierte Anleger kommen vor allem Aktien von Unternehmen infrage, deren Geschäft verständlich ist, die wirtschaftlich robust aufgestellt sind, dauerhaft Geld verdienen können und deren Börsenbewertung noch Raum für eine vernünftige Rendite lässt.
Sieben Fragen bilden dafür einen guten Ausgangspunkt:
- Verstehe ich, womit das Unternehmen Geld verdient?
- Besitzt es einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil?
- Wachsen Umsatz und Gewinne langfristig?
- Verdient das Unternehmen tatsächlich ausreichend Geld?
- Ist die Verschuldung beherrschbar?
- Ist die Aktie im Verhältnis zur Geschäftsentwicklung vernünftig bewertet?
- Passt die Position zu meinem bestehenden Depot?
Keine einzelne Kennzahl beantwortet diese Fragen vollständig. Ein niedriges Kurs-Gewinn-Verhältnis macht noch keine attraktive Aktie, genauso wenig wie starkes Umsatzwachstum allein ein gutes Unternehmen garantiert.
Das Ziel der Analyse besteht vielmehr darin, ein möglichst stimmiges Gesamtbild zu erhalten.
1. Das Geschäftsmodell muss verständlich sein
Der erste Filter kostet keinen Taschenrechner. Anleger sollten erklären können, welches Problem ein Unternehmen löst, wer dafür bezahlt und warum Kunden ausgerechnet dieses Angebot nutzen.
Bei einem Lebensmittelkonzern ist das relativ leicht nachvollziehbar. Schwieriger kann es bei Biotechnologieunternehmen, komplexen Finanzdienstleistern oder jungen Softwarefirmen werden. Das bedeutet nicht, dass solche Unternehmen grundsätzlich schlechte Investments sind. Die Wahrscheinlichkeit einer Fehleinschätzung steigt jedoch, wenn selbst grundlegende Umsatzquellen und Risiken kaum verständlich sind.
Hilfreiche Fragen sind beispielsweise:
- Welche Produkte oder Dienstleistungen bringen den größten Umsatz?
- Sind die Einnahmen regelmäßig oder stark schwankend?
- Gibt es wenige Großkunden oder Millionen einzelner Kunden?
- Wie abhängig ist das Unternehmen von einzelnen Produkten?
- Können Kunden leicht zu Wettbewerbern wechseln?
- Welche Entwicklungen könnten das Geschäftsmodell gefährden?
Besonders vorsichtig sollte man werden, wenn die Investmentthese hauptsächlich daraus besteht, dass eine Branche „die Zukunft“ sei. Eine attraktive Branche garantiert noch kein profitables Unternehmen.
2. Wettbewerbsvorteile entscheiden über die langfristige Stärke
Unternehmen erzielen selten dauerhaft hohe Gewinne, wenn Wettbewerber ihr Angebot problemlos kopieren können. Deshalb gehört die Frage nach dem sogenannten wirtschaftlichen Burggraben zu den wichtigsten Punkten einer Aktienanalyse.
Ein Wettbewerbsvorteil kann ganz unterschiedliche Ursachen haben. Eine starke Marke kann Kunden binden und höhere Preise ermöglichen. Netzwerkeffekte entstehen, wenn ein Produkt attraktiver wird, je mehr Menschen es nutzen. Hohe Wechselkosten erschweren Kunden den Umstieg zu einem Wettbewerber. Patente, technologische Kompetenz, besonders niedrige Produktionskosten oder eine schwer kopierbare Vertriebsstruktur können ebenfalls Vorteile schaffen.
Entscheidend ist nicht nur, ob ein solcher Vorteil heute besteht, sondern wie langlebig er vermutlich ist.
Ein Unternehmen kann beispielsweise jahrelang Marktführer sein und seinen Vorsprung trotzdem verlieren. Technologische Veränderungen, neue Wettbewerber oder veränderte Kundenpräferenzen können etablierte Geschäftsmodelle innerhalb weniger Jahre unter Druck setzen.
Ein guter Test lautet deshalb: Warum sollte dieses Unternehmen in fünf oder zehn Jahren noch erfolgreich sein?
Je konkreter diese Frage beantwortet werden kann, desto besser lässt sich die langfristige Qualität des Geschäfts beurteilen.
3. Umsatzwachstum allein reicht nicht
Stark steigende Umsätze wirken zunächst attraktiv. Für Aktionäre ist jedoch entscheidend, ob daraus langfristig auch Gewinne und freie Mittelzuflüsse entstehen.
Ein Unternehmen kann seinen Umsatz beispielsweise aggressiv steigern, indem es Produkte mit niedrigen Margen verkauft, hohe Marketingausgaben tätigt oder Übernahmen finanziert. Das Geschäft wächst dann auf dem Papier, ohne dass der wirtschaftliche Wert im gleichen Tempo zunimmt.
Deshalb lohnt sich ein Blick auf mehrere Jahre.
| Kennzahl | Was sie zeigt | Worauf Anleger achten können |
|---|---|---|
| Umsatz | Größe des Geschäfts | möglichst nachhaltige Entwicklung |
| Operativer Gewinn | Ertrag des Kerngeschäfts | Entwicklung der Gewinnmarge |
| Nettogewinn | Ergebnis nach Kosten und Steuern | langfristige Stabilität |
| Gewinn je Aktie | Gewinnanteil pro Aktie | Verwässerung berücksichtigen |
| Free Cashflow | frei verfügbare Mittel | möglichst dauerhaft positiv |
Ein idealtypischer Qualitätskonzern steigert über längere Zeit sowohl Umsatz als auch Gewinn und Cashflow. In der Realität verläuft die Entwicklung selten vollkommen gleichmäßig. Einzelne schwächere Jahre sind deshalb nicht automatisch problematisch.
Interessanter ist der Trend.
Wächst der Umsatz beispielsweise über fünf Jahre deutlich, während der Gewinn stagniert, sollte geklärt werden, warum die zusätzlichen Einnahmen nicht bei den Aktionären ankommen.
4. Gewinnmargen zeigen, wie viel vom Umsatz übrig bleibt
Zwei Unternehmen können denselben Umsatz erzielen und trotzdem völlig unterschiedlich profitabel sein.
Unternehmen A setzt 10 Milliarden Euro um und erzielt daraus 2 Milliarden Euro operativen Gewinn. Unternehmen B setzt ebenfalls 10 Milliarden Euro um, verdient operativ aber nur 300 Millionen Euro. Unternehmen A besitzt damit deutlich mehr finanziellen Spielraum.
Besonders aussagekräftig wird die Marge im Zeitvergleich. Steigende Margen können auf Skaleneffekte, Preissetzungsmacht oder verbesserte Prozesse hinweisen. Sinkende Margen können dagegen steigende Kosten, intensiveren Wettbewerb oder Probleme im Geschäftsmodell signalisieren.
Allerdings unterscheiden sich typische Margen stark zwischen Branchen. Ein Softwareunternehmen lässt sich deshalb nicht sinnvoll anhand derselben Gewinnmarge beurteilen wie ein Supermarktbetreiber.
Kennzahlen sollten grundsätzlich innerhalb einer Branche und im historischen Vergleich betrachtet werden.
5. Der Free Cashflow ist für Aktionäre besonders interessant
Gewinne entstehen nach Rechnungslegungsvorschriften und enthalten verschiedene nicht zahlungswirksame Positionen. Der Cashflow zeigt dagegen stärker, welche Geldströme tatsächlich durch das Unternehmen laufen.
Besonders relevant ist der Free Cashflow. Vereinfacht handelt es sich um das Geld, das nach notwendigen Investitionen in das operative Geschäft übrig bleibt.
Dieses Geld kann das Unternehmen beispielsweise verwenden, um:
- Schulden zurückzuzahlen,
- Dividenden auszuschütten,
- eigene Aktien zurückzukaufen,
- Unternehmen zu übernehmen,
- zusätzliche Investitionen zu finanzieren.
Ein dauerhaft negativer Free Cashflow muss bei jungen Wachstumsunternehmen nicht zwangsläufig problematisch sein. Er erhöht allerdings die Abhängigkeit von zusätzlichem Kapital.
Bei etablierten Unternehmen sollte dagegen nachvollziehbar sein, warum trotz ausgewiesener Gewinne möglicherweise kaum freier Cashflow entsteht.
6. Verschuldung kann aus einem guten Unternehmen ein riskantes Investment machen
Schulden sind nicht grundsätzlich schlecht. Unternehmen finanzieren damit Fabriken, Übernahmen, Immobilien oder andere Investitionen. Problematisch wird Verschuldung, wenn Zinszahlungen und Rückzahlungen die finanzielle Bewegungsfreiheit einschränken.
Gerade wirtschaftlich schwächere Phasen zeigen, welche Unternehmen solide finanziert sind.
Ein hoch verschuldetes Unternehmen kann bei sinkenden Umsätzen schnell unter Druck geraten. Ein finanziell stärker aufgestellter Wettbewerber besitzt dagegen möglicherweise genügend Reserven, um eine Krise für Investitionen oder Marktanteilsgewinne zu nutzen.
Hilfreiche Kennzahlen sind unter anderem:
- Nettoverschuldung,
- Verhältnis von Nettoverschuldung zu operativem Ergebnis,
- Zinsdeckungsgrad,
- verfügbare Liquidität.
Welche Werte akzeptabel sind, hängt wiederum von der Branche ab. Ein Infrastrukturunternehmen mit langfristig planbaren Einnahmen kann höhere Schulden tragen als ein zyklischer Konzern mit stark schwankenden Gewinnen.
Deshalb sollte nicht nur gefragt werden: „Wie viele Schulden hat das Unternehmen?“
Die bessere Frage lautet: „Kann das Unternehmen seine Schulden auch dann problemlos bedienen, wenn das Geschäft vorübergehend schlechter läuft?“
7. Die Eigenkapitalrendite kann Qualität zeigen – aber auch täuschen
Die Eigenkapitalrendite setzt den Gewinn ins Verhältnis zum Eigenkapital eines Unternehmens. Eine hohe Rendite kann darauf hinweisen, dass das Management das eingesetzte Kapital effizient nutzt.
Doch auch hier gibt es Fallen.
Ein stark verschuldetes Unternehmen kann aufgrund seines niedrigen Eigenkapitals rechnerisch eine hohe Eigenkapitalrendite erreichen. Ebenso können umfangreiche Aktienrückkäufe die Kennzahl beeinflussen.
Deshalb sollte die Eigenkapitalrendite nicht isoliert betrachtet werden.
Interessant wird sie zusammen mit Verschuldung, Kapitalrendite, Margen und Cashflow. Unternehmen, die über viele Jahre hohe Kapitalrenditen erzielen, ohne dafür ständig neue Schulden aufnehmen zu müssen, verfügen häufig über besonders attraktive Geschäftsmodelle.
8. Gute Unternehmensführung ist schwieriger messbar, aber wichtig
Viele quantitative Kennzahlen lassen sich schnell vergleichen. Die Qualität des Managements ist deutlich schwieriger zu beurteilen.
Trotzdem kann sie erheblichen Einfluss auf den langfristigen Unternehmenserfolg haben.
Besonders relevant ist die Kapitalallokation. Managementteams müssen regelmäßig entscheiden, was mit erwirtschaftetem Geld passiert. Neue Projekte, Übernahmen, Dividenden, Aktienrückkäufe und Schuldentilgung konkurrieren miteinander.
Eine hohe Dividende ist beispielsweise nicht automatisch sinnvoll. Findet ein Unternehmen attraktive Möglichkeiten, Kapital mit hoher Rendite ins eigene Geschäft zu investieren, kann eine Reinvestition für Aktionäre langfristig wertvoller sein.
Ebenso kritisch sollten Übernahmen betrachtet werden. Manche Unternehmen schaffen damit zusätzlichen Wert, andere zahlen regelmäßig zu hohe Preise.
Eine einfache Frage hilft bei der Einordnung: Hat das Management in der Vergangenheit vernünftig mit dem Geld der Aktionäre gearbeitet?
9. Bewertung: Gute Aktie oder nur gutes Unternehmen?
Hier liegt einer der häufigsten Denkfehler bei der Aktienauswahl.
Ein hervorragendes Unternehmen kann eine enttäuschende Aktienrendite liefern, wenn Anleger beim Kauf einen extrem hohen Preis bezahlen. Die Börse bewertet nicht nur den heutigen Gewinn, sondern vor allem Erwartungen an die Zukunft.
Angenommen, zwei Unternehmen verdienen jeweils 5 Euro je Aktie.
Bei Unternehmen A kostet die Aktie 75 Euro.
Das Kurs-Gewinn-Verhältnis beträgt:
75 Euro ÷ 5 Euro = 15
Unternehmen B kostet 200 Euro.
Das KGV beträgt:
200 Euro ÷ 5 Euro = 40
Unternehmen B muss deshalb nicht automatisch überbewertet sein. Wenn sein Gewinn in den kommenden Jahren deutlich schneller wächst, kann ein höheres KGV gerechtfertigt sein.
Der Preis enthält jedoch wesentlich höhere Erwartungen.
Bleibt das Wachstum hinter diesen Erwartungen zurück, kann die Aktie fallen, obwohl das Unternehmen weiterhin Gewinne erzielt.
Welche Bewertungskennzahlen sind sinnvoll?
Das Kurs-Gewinn-Verhältnis gehört zu den bekanntesten Kennzahlen, sollte aber niemals allein über einen Aktienkauf entscheiden.
| Kennzahl | Aussage | Typische Schwäche |
|---|---|---|
| KGV | Kurs im Verhältnis zum Gewinn | ungeeignet bei Verlusten |
| Kurs-Umsatz-Verhältnis | Bewertung relativ zum Umsatz | berücksichtigt Profitabilität kaum |
| Kurs-Buchwert-Verhältnis | Kurs zum bilanziellen Eigenkapital | bei vielen Geschäftsmodellen begrenzt aussagekräftig |
| Free-Cashflow-Rendite | Cashflow im Verhältnis zum Unternehmenswert | Cashflow kann stark schwanken |
| EV/EBITDA | Unternehmenswert zum operativen Ergebnis | Investitionen werden nur begrenzt berücksichtigt |
Noch aussagekräftiger ist häufig der Vergleich mit der eigenen Vergangenheit und direkten Wettbewerbern.
Wurde eine Aktie über viele Jahre beispielsweise meist mit einem KGV zwischen 18 und 25 gehandelt und liegt plötzlich bei 40, sollte nachvollziehbar sein, warum Anleger inzwischen wesentlich höhere Erwartungen haben.
Niedriges KGV bedeutet nicht automatisch günstig
Eine Aktie mit einem KGV von 8 kann teurer sein als eine Aktie mit einem KGV von 25.
Das klingt zunächst widersprüchlich.
Nehmen wir ein Unternehmen, dessen Gewinn aktuell 10 Euro je Aktie beträgt. Bei einem Aktienkurs von 80 Euro liegt das KGV bei 8.
Sinkt der Gewinn in den nächsten Jahren jedoch auf 4 Euro, würde das KGV auf Basis des neuen Gewinns bereits 20 betragen – selbst wenn sich der Aktienkurs überhaupt nicht verändert.
Gerade bei zyklischen Unternehmen können Gewinne auf dem Höhepunkt eines Wirtschaftszyklus ungewöhnlich hoch erscheinen. Dadurch sieht die Aktie optisch günstig aus.
Ein niedriges KGV kann außerdem auf tatsächliche Probleme hinweisen. Die Börse bewertet dann bereits einen möglichen Gewinnrückgang, hohe Schulden oder strukturelle Schwierigkeiten.
Solche Aktien werden gelegentlich als Value Traps bezeichnet: vermeintlich günstige Unternehmen, deren fundamentale Situation sich weiter verschlechtert.
Wachstumsaktien müssen anders bewertet werden
Bei schnell wachsenden Unternehmen können traditionelle Bewertungskennzahlen besonders anspruchsvoll sein.
Ein junges Unternehmen investiert möglicherweise nahezu jeden verfügbaren Euro in Vertrieb, Entwicklung oder neue Märkte. Der aktuelle Gewinn fällt dadurch niedrig aus, obwohl das Geschäft stark wächst.
Ein hohes KGV ist deshalb nicht automatisch ein Ausschlusskriterium.
Anleger sollten allerdings nachvollziehen können, wie das Unternehmen künftig höhere Gewinne erzielen soll.
Wichtige Fragen sind:
- Wie groß ist der adressierbare Markt?
- Wie schnell wächst der Umsatz?
- Verbessern sich die Margen?
- Wie hoch sind Kundenakquisitionskosten?
- Kann das Unternehmen skalieren?
- Muss regelmäßig neues Kapital aufgenommen werden?
Je höher die Bewertung, desto weniger Raum bleibt für Enttäuschungen.
Ein Unternehmen kann seine Gewinne stark steigern und trotzdem an der Börse fallen, wenn Anleger zuvor noch höheres Wachstum erwartet haben.
Dividenden sollten nicht das wichtigste Auswahlkriterium sein
Eine hohe Dividendenrendite wirkt attraktiv, ist aber kein kostenloser Zusatzgewinn.
Eine Dividende wird aus dem Vermögen des Unternehmens ausgeschüttet. Am Ex-Dividenden-Tag wird dieser Wert grundsätzlich im Aktienkurs berücksichtigt.
Entscheidender ist deshalb, ob die Ausschüttung aus nachhaltig erwirtschafteten Mitteln finanziert wird.
Bei einer ungewöhnlich hohen Dividendenrendite sollte geprüft werden, warum sie so hoch ist. Häufig liegt die Ursache nicht in einer erhöhten Ausschüttung, sondern in einem stark gefallenen Aktienkurs.
Ein Beispiel:
Eine Aktie kostet zunächst 100 Euro und zahlt jährlich 4 Euro Dividende.
Dividendenrendite:
4 ÷ 100 × 100 = 4 %
Fällt der Kurs auf 50 Euro, steigt die rechnerische Dividendenrendite auf 8 %.
Die Ausschüttung hat sich nicht verändert. Möglicherweise erwartet der Markt jedoch, dass das Unternehmen sie künftig reduzieren muss.
Dividenden können ein sinnvoller Bestandteil einer Aktienstrategie sein. Unternehmensqualität und finanzielle Stabilität sollten aber wichtiger sein als die höchste verfügbare Dividendenrendite.
Aktienrückkäufe genau prüfen
Neben Dividenden können Unternehmen Kapital über Aktienrückkäufe an ihre Eigentümer zurückgeben.
Kauft ein Unternehmen eigene Aktien zurück und zieht diese dauerhaft ein, verteilt sich der Unternehmensgewinn anschließend auf weniger Aktien. Dadurch kann der Gewinn je Aktie steigen.
Ob ein Rückkauf sinnvoll ist, hängt jedoch vom Kaufpreis ab.
Kauft ein Unternehmen massiv eigene Aktien zurück, während diese außergewöhnlich hoch bewertet sind, kann Kapital vernichtet werden. Besonders attraktiv können Rückkäufe dagegen sein, wenn die Aktie unter ihrem wirtschaftlichen Wert notiert und das Unternehmen gleichzeitig über ausreichend finanzielle Reserven verfügt.
Auch hier zählt deshalb weniger die Maßnahme selbst als die Qualität der Kapitalallokation.
Wie viel Wachstum braucht eine Aktie?
Anleger richten ihren Blick häufig auf spektakuläre Wachstumsraten. Langfristig können jedoch auch Unternehmen mit moderatem Wachstum attraktive Investments sein.
Entscheidend ist das Zusammenspiel aus Wachstum, Profitabilität und Bewertung.
Ein hochprofitables Unternehmen, das seinen Gewinn jährlich um 6 bis 8 Prozent steigert und zu einer vernünftigen Bewertung gehandelt wird, kann langfristig überzeugender sein als ein Unternehmen mit 30 Prozent Umsatzwachstum, hohen Verlusten und einer extrem ambitionierten Bewertung.
Wachstum besitzt nur dann wirtschaftlichen Wert, wenn zusätzliches Kapital langfristig produktiv eingesetzt werden kann.
Welche Rolle spielt der Aktienkurs?
Ein niedriger Aktienkurs sagt fast nichts darüber aus, ob eine Aktie günstig ist.
Eine Aktie für 10 Euro kann wesentlich höher bewertet sein als eine Aktie für 500 Euro.
Entscheidend sind Unternehmenswert, Gewinn, Cashflow und die Anzahl der ausgegebenen Aktien.
Beispielsweise könnte Unternehmen A eine Milliarde Aktien zu jeweils 10 Euro besitzen. Sein Börsenwert beträgt damit 10 Milliarden Euro.
Unternehmen B besitzt lediglich zehn Millionen Aktien zu jeweils 500 Euro. Sein Börsenwert beträgt 5 Milliarden Euro.
Obwohl die einzelne Aktie von Unternehmen B fünfzigmal so teuer aussieht, ist das gesamte Unternehmen an der Börse nur halb so hoch bewertet.
Der absolute Aktienkurs sollte deshalb kein Auswahlkriterium sein.
Die Marktkapitalisierung verändert das Risiko
Die Marktkapitalisierung bezeichnet den Börsenwert eines Unternehmens. Sie ergibt sich aus Aktienkurs mal Anzahl der ausstehenden Aktien.
Große Konzerne sind nicht automatisch sicher. Häufig verfügen sie jedoch über breitere Geschäftsmodelle, stärkere Finanzierungsmöglichkeiten und längere Unternehmenshistorien.
Kleinere Unternehmen können schneller wachsen, reagieren aber häufig empfindlicher auf wirtschaftliche Probleme. Weniger liquide Aktien können außerdem stärkere Kursschwankungen zeigen.
Für ein ausgewogenes Depot kann deshalb auch die Größenverteilung der Unternehmen eine Rolle spielen.
Diversifikation bleibt auch bei guten Aktien notwendig
Selbst eine sorgfältige Analyse schützt nicht vor unerwarteten Ereignissen.
Ein Produkt kann scheitern. Eine Regulierung kann das Geschäftsmodell verändern. Ein Wettbewerber entwickelt eine bessere Technologie. Bilanzprobleme werden erst Jahre später sichtbar. Ein Unternehmen verliert wichtige Kunden.
Wer sein gesamtes Aktienvermögen auf wenige Unternehmen verteilt, macht seinen finanziellen Erfolg stark von einzelnen Entwicklungen abhängig.
Angenommen, ein Anleger besitzt zehn Aktienpositionen mit jeweils 10 Prozent Depotanteil. Eine dieser Aktien verliert dauerhaft 70 Prozent ihres Wertes.
Der Effekt auf das Gesamtdepot beträgt zunächst rund 7 Prozent.
Besteht das Depot dagegen nur aus zwei gleich großen Positionen, verursacht derselbe Verlust bei einer Aktie bereits ungefähr 35 Prozent Verlust im gesamten Depot.
Diversifikation verhindert Verluste nicht, reduziert aber die Abhängigkeit von einzelnen Unternehmen.
Wie breit ein Depot gestreut sein sollte, hängt von Strategie, Erfahrung und Positionsgrößen ab. Anleger, die einzelne Unternehmen nicht regelmäßig analysieren möchten, können mit breit gestreuten ETFs möglicherweise einfacher diversifizieren.
Mehr zur grundsätzlichen Auswahl zwischen Einzelaktien und Fonds erklären wir im Ratgeber zu Aktien und ETFs.
Branchenrisiken nicht unterschätzen
Zehn verschiedene Aktien bedeuten nicht automatisch ausreichende Diversifikation.
Wer beispielsweise zehn Technologieunternehmen besitzt, kann weiterhin stark von derselben Branche abhängig sein. Ähnliche Probleme entstehen, wenn mehrere Positionen von denselben Rohstoffpreisen, Zinsen oder Konjunkturzyklen beeinflusst werden.
Bei der Depotstruktur sollten deshalb neben der Anzahl der Aktien auch Branchen, Geschäftsmodelle, Regionen und wirtschaftliche Abhängigkeiten berücksichtigt werden.
Besonders schnell entstehen Konzentrationen, wenn Anleger überwiegend Unternehmen kaufen, die sie aus ihrem Alltag kennen.
Bekanntheit ist zwar angenehm, ersetzt aber keine Diversifikation.
Wie groß sollte eine einzelne Aktienposition sein?
Eine universell passende Positionsgröße gibt es nicht. Der mögliche Schaden bei einer Fehleinschätzung sollte jedoch bereits vor dem Kauf berücksichtigt werden.
Wer beispielsweise 5 Prozent seines Depots in eine Aktie investiert und diese Position vollständig verliert, reduziert sein Gesamtvermögen aus diesem Depot um ungefähr 5 Prozent.
Bei einer Position von 25 Prozent wäre derselbe Fehler deutlich schwerwiegender.
Je unsicherer das Geschäftsmodell, je höher die Verschuldung und je spekulativer die Bewertung, desto kritischer sollte eine große Gewichtung betrachtet werden.
Gerade Anfänger machen häufig den Fehler, ihre stärkste Überzeugung gleichzeitig zur größten Depotposition zu machen. Eine überzeugende Investmentthese reduziert jedoch nicht das Unternehmensrisiko auf null.
Die eigene Investmentthese vor dem Kauf festhalten
Eine einfache schriftliche Investmentthese kann helfen, Entscheidungen später sachlicher zu bewerten.
Sie muss nicht mehrere Seiten lang sein.
Beispielsweise:
„Ich kaufe das Unternehmen, weil es in einem langfristig wachsenden Markt tätig ist, hohe operative Margen erzielt, nur moderat verschuldet ist und seinen Gewinn in den vergangenen Jahren steigern konnte. Die aktuelle Bewertung halte ich angesichts des erwarteten Wachstums für vertretbar. Meine These wäre beschädigt, wenn die Margen dauerhaft deutlich sinken oder der wichtigste Wettbewerbsvorteil verloren geht.“
Eine solche Notiz hat einen großen Vorteil: Monate oder Jahre später lässt sich überprüfen, ob die ursprünglichen Gründe noch bestehen.
Ohne dokumentierte These verändert sich die Begründung für einen Aktienbesitz häufig unbewusst mit der Kursentwicklung.
Wann sollte eine Aktie verkauft werden?
Die Aktienauswahl endet nicht mit dem Kauf.
Ein fallender Kurs ist allein kein überzeugender Verkaufsgrund. Ebenso wenig sollte eine Aktie ausschließlich deshalb gehalten werden, weil sie inzwischen im Minus steht.
Relevanter sind fundamentale Veränderungen.
Ein Verkauf kann beispielsweise sinnvoll geprüft werden, wenn:
- die ursprüngliche Investmentthese nicht mehr gilt,
- das Geschäftsmodell strukturell an Stärke verliert,
- Schulden problematisch steigen,
- das Management Kapital wiederholt schlecht einsetzt,
- Bilanz- oder Governance-Probleme auftreten,
- die Bewertung vollkommen von realistischen Erwartungen entkoppelt erscheint,
- eine Position zu groß für das Depot geworden ist.
Auch Opportunitätskosten spielen eine Rolle. Kapital, das in einer Aktie gebunden ist, kann nicht gleichzeitig in eine möglicherweise attraktivere Anlage investiert werden.
Der ursprüngliche Kaufkurs sollte dabei möglichst wenig Einfluss haben. Die entscheidende Frage lautet: Würde ich diese Aktie zu ihrem heutigen Preis mit meinem heutigen Wissen erneut kaufen?
Welche Unterlagen sollte man vor einem Aktienkauf ansehen?
Bei der Analyse einzelner Unternehmen lohnt sich der Blick über Finanzportale und Kennzahlenscreener hinaus.
Besonders aufschlussreich sind Geschäftsberichte und aktuelle Quartalsberichte. Dort finden Anleger nicht nur Umsatz und Gewinn, sondern auch Angaben zu Geschäftssegmenten, Schulden, Risiken, Investitionen und strategischen Prioritäten.
Auch mehrere Jahre zurückliegende Zahlen sind relevant.
Dadurch lässt sich beispielsweise erkennen, wie sich das Unternehmen während schwächerer Wirtschaftsphasen verhalten hat oder ob Margen und Verschuldung langfristig stabil geblieben sind.
Bei größeren Investments kann es außerdem sinnvoll sein, Präsentationen für Investoren und Aussagen des Managements aus verschiedenen Jahren miteinander zu vergleichen. So lässt sich besser beurteilen, ob langfristige Ziele tatsächlich erreicht wurden.
Eine praktische Entscheidungsmatrix für die Aktienauswahl
Eine einfache Bewertung kann verhindern, dass eine emotionale Begeisterung für ein Unternehmen alle anderen Faktoren verdrängt.
| Kriterium | Schwach | Mittel | Stark |
|---|---|---|---|
| Geschäftsmodell | schwer verständlich | teilweise nachvollziehbar | klar verständlich |
| Wettbewerbsvorteil | kaum erkennbar | vorhanden, aber angreifbar | stark und langlebig |
| Umsatzentwicklung | stagnierend/rückläufig | moderates Wachstum | langfristig robust |
| Profitabilität | schwach | solide | hoch und stabil |
| Cashflow | häufig negativ | schwankend | nachhaltig positiv |
| Verschuldung | hoch | beherrschbar | gering |
| Bewertung | sehr ambitioniert | vertretbar | attraktiv |
| Depotpassung | starke Überschneidung | teilweise Ergänzung | gute Diversifikation |
Die Matrix ist kein mathematisches Kaufsignal. Sie zwingt jedoch dazu, verschiedene Aspekte getrennt zu betrachten.
Ein Unternehmen mit sechs starken Kriterien und einer hohen Bewertung kann beispielsweise interessanter sein als eine extrem günstige Aktie mit schwachem Geschäftsmodell und hoher Verschuldung.
Checkliste: 12 Punkte vor einem Aktienkauf
Eine feste Routine reduziert das Risiko spontaner Entscheidungen.
- Geschäftsmodell in eigenen Worten erklären.
- Wichtigste Umsatzquellen identifizieren.
- Wettbewerbsvorteile prüfen.
- Umsatzentwicklung mehrerer Jahre ansehen.
- Gewinnentwicklung untersuchen.
- Margen mit Wettbewerbern vergleichen.
- Free Cashflow kontrollieren.
- Verschuldung und Liquidität bewerten.
- Kapitalallokation des Managements prüfen.
- Bewertung mit Historie und Konkurrenz vergleichen.
- Auswirkungen auf die Depotdiversifikation prüfen.
- Kaufthese und wichtigste Risiken schriftlich festhalten.
Wer mehrere dieser Punkte nicht beantworten kann, muss die Aktie nicht sofort verwerfen. Häufig ist es jedoch sinnvoller, zunächst weiter zu recherchieren als voreilig zu investieren.
Häufige Fehler bei der Aktienauswahl
Viele Fehlentscheidungen entstehen weniger durch fehlendes Finanzwissen als durch psychologische Abkürzungen.
Aktien nach vergangenen Kursgewinnen auswählen
Eine Aktie ist innerhalb eines Jahres um 80 Prozent gestiegen und erscheint deshalb besonders attraktiv. Genau hier kann die Gefahr liegen.
Der Kursanstieg kann auf bessere Unternehmenszahlen zurückgehen. Er kann aber ebenso durch deutlich gestiegene Erwartungen verursacht worden sein.
Je stärker die Bewertung bereits gestiegen ist, desto höher kann das Enttäuschungspotenzial werden.
Vergangene Kursentwicklung ist kein Ersatz für eine Unternehmensanalyse.
Gefallene Aktien automatisch für günstig halten
Auch der umgekehrte Fehler ist verbreitet.
Eine Aktie fällt von 100 auf 50 Euro. Auf den ersten Blick scheint sie nun zum halben Preis erhältlich zu sein.
Vielleicht ist jedoch gleichzeitig der erwartete Gewinn eingebrochen, ein Produkt gescheitert oder ein strukturelles Problem sichtbar geworden.
Entscheidend ist nicht, wo eine Aktie einmal stand, sondern welchen wirtschaftlichen Wert das Unternehmen heute besitzt.
Nur bekannte Unternehmen kaufen
Bekannte Marken vermitteln Sicherheit. Ein erfolgreicher Kunde eines Unternehmens zu sein, macht jedoch noch keine Aktie attraktiv.
Eine hervorragende Marke kann bereits extrem teuer bewertet sein.
Außerdem können Anleger dadurch unbewusst ihr Depot auf wenige bekannte Branchen konzentrieren.
Analystenkursziele als Kaufentscheidung verwenden
Analystenschätzungen können zusätzliche Informationen liefern, sollten aber nicht die eigene Investmentthese ersetzen.
Kursziele beruhen auf Annahmen über zukünftige Umsätze, Gewinne und Bewertungen. Schon kleine Veränderungen dieser Annahmen können zu deutlich unterschiedlichen Ergebnissen führen.
Für Anleger ist daher interessanter, welche Annahmen hinter einer Einschätzung stehen, als die einzelne Zahl des Kursziels.
Zu häufig handeln
Neue Informationen erscheinen täglich. Eine langfristige Investmentthese verändert sich dagegen meist wesentlich langsamer.
Häufige Käufe und Verkäufe können Kosten verursachen, steuerliche Folgen haben und emotionale Entscheidungen fördern.
Eine gute Aktienstrategie benötigt deshalb nicht möglichst viele Entscheidungen, sondern möglichst wenige schlechte.
Einzelaktien oder lieber ETF?
Nicht jeder Anleger muss einzelne Aktien auswählen.
Die Analyse von Unternehmen benötigt Zeit. Jahresberichte müssen verstanden, Geschäftsentwicklungen verfolgt und Bewertungen regelmäßig neu eingeordnet werden. Gleichzeitig bleibt trotz gründlicher Analyse das Risiko bestehen, einzelne Unternehmen falsch einzuschätzen.
Ein breit gestreuter ETF verteilt das Kapital dagegen automatisch auf viele Unternehmen. Dadurch sinkt das unternehmensspezifische Risiko deutlich.
Einzelaktien können eher zu Anlegern passen, die sich intensiv mit Unternehmen beschäftigen möchten, höhere Schwankungen einzelner Positionen akzeptieren und bereit sind, Fehlentscheidungen einzuplanen.
Auch eine Kombination ist möglich. Ein breit gestreutes ETF-Portfolio kann beispielsweise den Kern bilden, während ein kleinerer Teil des Vermögens gezielt in Einzelaktien investiert wird.
Welche Aufteilung sinnvoll ist, hängt vom Anlageziel, Risikoprofil und Aufwand ab.
Wie viel Geld sollte man in Einzelaktien investieren?
Bevor Kapital in einzelne Aktien fließt, sollte die finanzielle Basis stimmen.
Geld für kurzfristige Ausgaben, geplante Anschaffungen oder den Notgroschen gehört normalerweise nicht in Aktien. Kurse können jederzeit deutlich fallen und mehrere Jahre benötigen, um sich zu erholen.
Auch der Anlagehorizont spielt deshalb eine wichtige Rolle.
Wer das investierte Kapital möglicherweise in zwei Jahren benötigt, trägt ein deutlich höheres Risiko, zu einem ungünstigen Zeitpunkt verkaufen zu müssen.
Bei langfristigem Vermögensaufbau lässt sich dieses Risiko besser einordnen, vollständig verschwindet es jedoch nicht.
Wie du Rücklagen und langfristiges Anlagekapital voneinander trennst, erklären wir ausführlich im Ratgeber zum Vermögensaufbau.
Ein Beispiel: Zwei Aktien im Vergleich
Angenommen, Anleger vergleichen zwei Unternehmen aus derselben Branche.
| Kennzahl | Unternehmen A | Unternehmen B |
|---|---|---|
| Umsatzwachstum | 8 % | 15 % |
| operative Marge | 22 % | 9 % |
| Gewinnwachstum | 10 % | 7 % |
| Free Cashflow | stabil positiv | stark schwankend |
| Verschuldung | niedrig | hoch |
| KGV | 24 | 18 |
Unternehmen B wirkt zunächst attraktiv. Es wächst beim Umsatz schneller und besitzt das niedrigere KGV.
Der zweite Blick verändert das Bild.
Unternehmen A arbeitet wesentlich profitabler, steigert seinen Gewinn stärker, produziert stabileren Cashflow und besitzt weniger Schulden. Die höhere Bewertung könnte deshalb teilweise gerechtfertigt sein.
Das Beispiel zeigt, warum einzelne Kennzahlen selten ausreichen. Eine fundierte Aktienauswahl entsteht aus dem Zusammenspiel von Qualität, Wachstum, Risiko und Preis.
Welche Kennzahlen sind für Anfänger wirklich notwendig?
Anleger müssen nicht Dutzende Kennzahlen beherrschen, bevor sie eine Aktie analysieren können.
Für einen soliden ersten Überblick reichen häufig:
- Umsatzentwicklung,
- Gewinnentwicklung,
- operative Marge,
- Free Cashflow,
- Verschuldung,
- Gewinn je Aktie,
- KGV oder eine passende alternative Bewertungskennzahl.
Wichtiger als die Anzahl der Kennzahlen ist ihr Zusammenhang.
Steigt beispielsweise der Gesamtgewinn eines Unternehmens, während der Gewinn je Aktie kaum wächst, könnte die Anzahl ausstehender Aktien stark zugenommen haben. Aktionäre werden dadurch verwässert.
Oder der Gewinn steigt, während der Free Cashflow dauerhaft schwach bleibt. Auch dafür sollte es eine nachvollziehbare Erklärung geben.
Finanzkennzahlen werden besonders wertvoll, wenn sie Fragen auslösen.
Emotionen sind bei Einzelaktien ein unterschätztes Risiko
Bei kaum einer Anlageform entsteht so schnell eine persönliche Bindung wie bei selbst ausgewählten Aktien.
Wer tagelang ein Unternehmen analysiert hat, möchte anschließend nur ungern erkennen, dass die eigene Einschätzung möglicherweise falsch war.
Steigt die Aktie, bestätigt dies scheinbar die Analyse. Fällt sie, sucht man leicht nach Argumenten, warum der Markt angeblich falsch liegt.
Dieses Verhalten wird als Bestätigungsfehler bezeichnet.
Die vorher schriftlich festgehaltene Investmentthese kann deshalb hilfreich sein. Sie zwingt dazu, zwischen normaler Kursschwankung und einer tatsächlichen Veränderung des Unternehmens zu unterscheiden.
Auch eine feste Positionsgröße schützt davor, eine emotionale Überzeugung zu einem übergroßen finanziellen Risiko werden zu lassen.
Fazit: Gute Aktien entstehen aus Unternehmen, Preis und Depot
Die Frage „Welche Aktien kaufen?“ lässt sich sinnvoller mit Kriterien als mit einzelnen Namen beantworten. Ein attraktives Unternehmen sollte ein verständliches Geschäftsmodell, erkennbare Wettbewerbsvorteile, solide Finanzen und langfristig überzeugende Ertragsmöglichkeiten besitzen. Gleichzeitig muss der Börsenpreis zu den realistischen Erwartungen passen.
Besonders gefährlich sind Abkürzungen: ein niedriges KGV, eine hohe Dividende, ein bekannter Markenname oder ein stark gestiegener Kurs reichen jeweils nicht aus. Die verschiedenen Kennzahlen müssen ein plausibles Gesamtbild ergeben.
Ebenso wichtig ist die Perspektive des gesamten Depots. Auch eine sorgfältig ausgewählte Aktie bleibt eine einzelne Unternehmensbeteiligung mit entsprechenden Risiken. Wer Einzelaktien kauft, sollte deshalb nicht nur fragen, ob ein Unternehmen attraktiv erscheint, sondern auch, welchen Schaden eine Fehleinschätzung im eigenen Depot verursachen könnte.
Eine konsequente Auswahlroutine ist letztlich wertvoller als der nächste Aktientipp. Wer weiß, warum er eine Aktie kauft, welche Risiken er akzeptiert und wann seine Investmentthese nicht mehr gilt, trifft langfristig nachvollziehbarere Entscheidungen.
Häufige Fragen zu Aktienauswahl und Aktienkauf
Bei der Auswahl einzelner Aktien tauchen häufig dieselben praktischen Fragen auf. Die folgenden Antworten helfen bei der schnellen Einordnung wichtiger Kriterien.
Welche Aktien sind für Anfänger geeignet?
Für Einsteiger sind Unternehmen leichter zu analysieren, wenn ihr Geschäftsmodell verständlich, ihre Finanzlage solide und ihre Geschäftsentwicklung über mehrere Jahre nachvollziehbar ist. Das bedeutet allerdings nicht, dass große oder bekannte Unternehmen automatisch risikoarm sind. Wer keine einzelnen Unternehmen analysieren möchte, kann breit gestreute ETFs als Alternative prüfen.
Wie erkenne ich eine gute Aktie?
Eine gute Aktie verbindet Unternehmensqualität mit einer vertretbaren Bewertung. Relevant sind unter anderem Wettbewerbsvorteile, Profitabilität, Cashflow, Verschuldung, Wachstum und die langfristige Kapitalallokation des Managements. Keine einzelne Kennzahl kann die Qualität zuverlässig bestimmen.
Welches KGV ist bei einer Aktie gut?
Ein pauschal gutes KGV existiert nicht. Ein KGV von 30 kann bei einem stark wachsenden Qualitätsunternehmen vertretbar sein, während ein KGV von 10 bei einem schrumpfenden Unternehmen teuer sein kann. Sinnvoll sind Vergleiche mit Wettbewerbern, der historischen Bewertung und den erwarteten Gewinnen.
Sollte man Aktien kaufen, wenn sie gefallen sind?
Ein Kursrückgang allein ist kein Kaufargument. Zuerst muss geprüft werden, warum die Aktie gefallen ist und ob sich der wirtschaftliche Wert des Unternehmens verändert hat. Ist die Investmentthese weiterhin intakt, kann ein niedrigerer Kurs attraktiv sein; bei fundamentalen Problemen kann der Rückgang dagegen gerechtfertigt sein.
Sind Dividendenaktien besser als Aktien ohne Dividende?
Nicht grundsätzlich. Entscheidend ist, wie produktiv das Unternehmen sein Kapital einsetzen kann. Ein Unternehmen ohne Dividende kann für Aktionäre sehr wertvoll sein, wenn es Gewinne mit hoher Rendite reinvestiert. Eine hohe Dividende ist wiederum wenig attraktiv, wenn sie finanziell nicht nachhaltig ist.
Wie viele Aktien sollte man im Depot haben?
Die richtige Anzahl hängt von Positionsgrößen, Branchen und Strategie ab. Entscheidend ist weniger eine bestimmte Stückzahl als die Frage, wie abhängig das Depot von einzelnen Unternehmen bleibt. Zehn Aktien aus derselben Branche können beispielsweise deutlich schlechter diversifiziert sein als ein breiter aufgestelltes Portfolio.
Wo findet man Kennzahlen für die Aktienanalyse?
Grundlegende Kennzahlen bieten zahlreiche Finanzportale und Broker. Für eine tiefergehende Analyse sind Geschäftsberichte, Quartalsberichte und Investor-Relations-Unterlagen des jeweiligen Unternehmens besonders wertvoll. Zahlen sollten möglichst über mehrere Jahre betrachtet werden.
Wann sollte man eine Aktie verkaufen?
Ein Verkauf sollte eher von der Investmentthese als von kurzfristigen Kursbewegungen abhängen. Relevant sind beispielsweise eine nachhaltige Verschlechterung des Geschäftsmodells, steigende finanzielle Risiken, problematische Unternehmensführung oder eine extreme Bewertung. Eine hilfreiche Kontrollfrage lautet, ob man die Aktie zum aktuellen Kurs heute noch einmal kaufen würde.